TransLit-Professorin 2019 - Kathrin Röggla
„Die Suche nach einem Blick auf die Welt, wie sie ist, ist die Suche nach einer besseren Welt.“
(Röggla: Die falsche Frage, 2015)
Die in Österreich geborene und in Berlin lebende Autorin und TransLit-Professorin Kathrin Röggla schreibt Prosa, Hörspiele, Essays und Theatertexte. Bereits während ihres Germanistik- und Publizistik-Studiums, das sie nach eigenen Worten 1999 erfolgreich abbrach, entstanden erste literarische Arbeiten in Literaturzeitschriften und Anthologien, 1995 veröffentlichte sie ihren ersten Prosaband niemand lacht rückwärts.
Seit 1998 verfasst und produziert Röggla auch Radioarbeiten, die von akustischen Installationen über Netzradioprojekte bis zu Hörspielen reichen, wie das 2011 in Zusammenarbeit mit Leopold von Verschuer entstandene Hörbuch Publikumsberatung, in dem die zahlreichen rhetorischen Mittel der öffentlichen intellektuellen Rede persifliert werden. Seit 2002 schreibt Röggla auch Theatertexte wie bspw. wir schlafen nicht von 2004, in dem sie einen kritischen Blick auf die Unternehmensberatungsbranche wirft oder Der Lärmkrieg von 2013, in dem BefürworterInnen, GegnerInnen und BürgerInnen die Planungen zum Ausbau des Frankfurter Flughafens zum Anlass nehmen, vor allem über ihre persönlichen Befindlichkeiten, Bedürfnisse und Forderungen zu debattieren. Normalverdiener von 2017 ist laut Röggla „ein Stück, in dem das Reden über Geld mit dem Schweigen über Geld zusammenkommen soll; eine Beschwörung der Finanzkraft von Seiten des untergehenden Mittelstandes, eine Verdrehung der Opfer-Täter-Optik, wie es nur in diesem Milieu vorkommen kann. Ein Stück, in dem die Rede über Märkte andauernd vorhanden ist, auch wenn es scheinbar um anderes geht [...].“ Ihre genre-, gattungs- und medienübergreifenden Arbeiten reflektiert Röggla immer wieder in ihren theoretischen Essays, wie bspw. in Die falsche Frage. Theater, Politik und die Kunst, das Fürchten nicht zu verlernen von 2014, in dem sie den gesellschaftskritischen Auftrag ihrer Texte klar formuliert: „Ich will Formen des Sprechens finden, die den Gewaltzusammenhang gesellschaftlicher Verhältnisse deutlicher hervortreten lassen und gleichzeitig unterlaufen. Dass dabei das Uneingelöste eine gewaltige Rolle spielt, versteht sich von selbst.“
Signum von Rögglas Werk ist das transmediale Arbeiten, das nach der sprachlichen und medialen Repräsentation von Gegenwart fragt. Ihre Texte thematisieren nicht nur aktuelle, häufig zu Medienereignissen stilisierte Themen, wie etwa die Angriffe auf das World Trade Center in really ground zero von 2001, sondern wechseln selbst beständig das Medium. Besonders augenfällig wird das Prinzip der Transmedialität in Rögglas zunächst 2009 uraufgeführtem Theaterstück die beteiligten, das 2010 unter dem Titel wilde jagd im Prosaband die alarmbereiten erschien. Dieser wiederum basiert auf der gleichnamigen Hörspielproduktion für den Bayrischen Rundfunk, die im August 2009 zum Hörspiel des Monats gewählt wurde. In die beteiligten/wilde jagd nimmt Röggla den Fall des Entführungsopfers Natascha Kampusch zum Anlass, um die auf Sensation und Voyeurismus ausgerichteten Mechanismen der Mediengesellschaft vorzuführen, die alles und jeden zu ihrem Objekt machen. Denn wie die reale Kampusch vom Vorzeigeopfer der Medien zu einer Person wurde, mit der „irgendwas nicht stimmt“, da sie sich so gar nicht als Opfer benehmen wollte, so heften sich auch bei Röggla alle Figuren parasitär an das Sensationelle des Entführungsfalls des „mädchens“ und versuchen, daraus Profit zu schlagen.
Ausgezeichnet wurde Röggla u.a. mit dem Salzburger Landesliteraturpreis (1992), dem New-York-Stipendium des Literaturfonds (2001), dem Preis der SWR-Bestenliste, dem Nestroy 2010 für das beste Stück (worst case), dem Franz-Hessel-Preis (2010) und dem Arthur-Schnitzler-Preis 2012. 2014 hielt sie die dritte Saarbrückener Poetikdozentur, 2017 hatte sie die Poetik-Professur an der Universität Bamberg inne. Seit 2012 ist Röggla Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und seit Juni 2015 deren Vizepräsidentin; seit November 2015 ist sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.
Gäste der Translit3 | 2019
Barbara Schäfer ist Abteilungsleiterin für Feature/Hörspiel/Hintergrund Kultur im Deutschlandfunk. Sie begann ihre Hörspielarbeit beim Sender Freies Berlin Ende der 1980er Jahre. Seitdem hat sie als Dramaturgin beim WDR und Chefdramaturgin beim BR zahlreiche Hörspielprojekte initiiert und betreut. Ihre eigene Hörspielarbeit "Nix" (SFB/DS-Kultur), nach dem Roman von Peter Wawerzinek, gewann 1993 den Hörspielpreis der Akademie der Künste Berlin. Mit Kathrin Röggla verbindet sie eine langjährige Zusammenarbeit, 1998 eingeläutet mit der Hörspielproduktion "niemand lacht rückwärts" (BR).
2014 wechselte Barbara Schäfer zum Deutschlandfunk nach Köln und betreut selbst den wöchentlichen Sendeplatz "Essay und Diskurs". Seit 2017 veranstaltet sie den Kölner Kongress im Dlf, ein für Publikum und Fachpublikum öffentliches Symposium zu Fragen des Erzählens in den Medien, mit Live-Performances (on air/on stage) aus dem Kammermusiksaal. Partner der Veranstaltung ist die Kunsthochschule für Medien Köln.
2019 präsentierte Barbara Schäfer auf dem Kölner Kongress "Chant du Nix", eine Live-Produktion mit Michaela Melián, Künstlerin, Musikerin (F.S.K.) und Professorin für zeitbezogene Medien an der HFBK Hamburg.
Manos Tsangaris ist Komponist, Trommler und Installationskünstler. Er zählt zu den international bedeutendsten Vertretern des neuen Musiktheaters und seine Werke werden auf renommierten Festivals wie den Donaueschinger Musiktagen, den Wittener Tagen für neue Kammermusik, dem Belgrader Internationalen Theaterfestival, der MusikBiennale Berlin, der Biennale Venezia, dem Ultima Festival Oslo sowie an Theater- und Opernhäusern in Köln, New York, Mannheim, Dresden und Berlin aufgeführt.
2009 wurde er zum Professor für Komposition an die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden berufen und zum Mitglied der Akademie der Künste Berlin gewählt, wo er 2012 zum Direktor der Sektion Musik gewählt wurde. Seit 2010 ist er Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste, seit 2017 ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.
Bereits seit den 1970er Jahren hat Tsangaris in immer neuen künstlerischen Formaten die Bedingungen der Aufführung zum wesentlichen Gegenstand seiner Kompositionen gemacht. Dabei hat er wiederholt mit Kathrin Röggla zusammengearbeitet.
Leopold von Verschuer ist Schauspieler, Hörspielautor, Theaterregisseur und Übersetzer. Seine Projekte bewegen sich stets an der Schnittstelle von Theater, Literatur(übersetzung) und Radiokunst.
Eine enge Zusammenarbeit verbindet ihn mit den Autoren Valère Novarina, Alvaro García de Zúñiga und Kathrin Röggla. 1998 gründete er theatre impossible als Plattform für ‚unmögliche Projekte‘, 2010 TEXTARBEITER zur Realisierung komplexer, d.h. auch medienübergreifender Texte. Zusammen mit Matthias Breitenbach bildet er seit 2015 das Produktionskollektiv EUGEN & EUGEN PROD.